12 - Sinneslehre
Rudolf Steiner war auf vielen Gebieten des Lebens (Medizin, Pädagogik, Landwirtschaft, Religion etc.) kulturerneuernd tätig. Das gedankliche Fundament seiner Arbeit bezeichnete er als die Anthroposophie (Weisheit vom Menschen). Er begründete anfangs des Jahrhunderts die Anthroposophische Gesellschaft.
Während in der vorhergehenden Darstellung versucht wurde, auf die medizinisch - naturwissenschaftliche Seite der Sinne einzugehen, wollen wir im anschliessenden Überblick über die 12 Sinne das Gewicht mehr auf allgemein menschenkundliche Aspekte legen.
Nach Inhalt und Form ihres Wahrnehmens ist eine Gliederung der Sinne in drei Hauptgruppen sinnvoll. Diese sei im Folgenden kurz skizziert.
Die erste Gruppe der sogenannten unteren Sinne umfasst den:
Tast - sinn
Lebens - sinn
Eigenbewegungs - sinn
Gleichgewichts - sinn
Die zweite Gruppe der mittleren Sinne den:
Geruchs - sinn
Geschmacks - sinn
Seh - sinn
Wärme - sinn
Die dritte Gruppe der oberen Sinne den:
Gehör - sinn
Sprach - sinn
Gedanken - sinn
Ich - sinn
Diese Einteilung ergibt sich aus einem dreigegliederten Menschenbild, das den Menschen ansieht als ein Wesen bestehend aus Leib, Seele und Geist.
Was damit gemeint ist, wird auf den folgenden Seiten noch näher erläutert werden.
Die unteren Sinne
Mit den vier unteren Sinnen, nehmen wir auf vierfach verschiedene Weise unsere eigene Leiblichkeit wahr.
Tast-sinn
Durch den Tastsinn nehmen wir in erster Linie die Grenzen unseres Leibes wahr. Das Hauptorgan des Tastens ist die Haut, die ja auch unsere gesamte Gestalt nach aussen hin begrenzt. Nun ist es nur eine der Funktionen des Tastsinns, die Umwelt zu erfühlen und sich so vom Vorhandensein einer äusseren Welt zu überzeugen. Die andere Seite des Tastens ist die, dass sich sofort jeder leiseste Druck oder Berührung bis in innerste Körperregionen fortsetzt und wir uns so in jedem Tasterlebnis auch selbst wahrnehmen. Wir werden uns im Tasten unseres eigenen Leibes und seiner Grenzen bewusst.
Besonders in der frühen Kindheit gehört es zu den Aufgaben des Tastsinns, dass mit seiner Hilfe das kleine Kind lernt, sich immer deutlicher selbst zu erleben. Die Sehnsucht nach Tasterlebnissen beschränkt sich im Säuglingsalter nicht nur auf das Saugen und Lutschen, auch die Fingerchen des Kindes sind immer bestrebt alles zu berühren. In diesem Angreifen aller Dinge drückt sich in dem werdendem Menschen die Suche nach seinem eigenem Wesen aus.
Lebens-sinn
Der zweite der unteren Sinne, der Lebenssinn, ist in andern üblichen Sinneslehren kaum je erwähnt oder so benannt, weil dieser Sinn zunächst als ein sehr diffuser, schwer bestimmbarer erscheint. Es ist das Wohlbehagen, das Sich - Wohlfühlen die eigentliche Wahrnehmung dieses Sinnes. Während beim Tastsinn durch die Haut stark die Grenze zwischen mir und der Aussenwelt erlebt wird, ist die Empfindung des Lebenssinns das sich nach innen Erfühlen, das meist nicht ganz bewusste Gefühl von Wohlbehagen beim gesunden Menschen.
Gestört wird dieses allgemeine Befinden, wenn Gefühle von Übelkeit, Unbehagen, Hunger usw. auftreten. Schon bei leichten Schwankungen beispielsweise des Flüssigkeits- oder Lufthaushalts in uns kann das der Fall sein.
Dasselbe gilt in gewissem Ausmass auch von den Wärmeverhältnissen. Sind sie geregelt und fühlen wir Füsse und Hände nicht zu kalt, den Kopf nicht zu heiss, empfinden wir uns in bezug auf die Wärme wohl; ist dies aber nicht der Fall, sind z. B. die Gliedmassen zu kalt, so ergibt dies einen Rückschlag auf unser Gesamtbefinden. Es muss ein gewisser Ausgleich in den verschiedensten Lebensprozessen vorhanden sein, um in uns Behagen hervorzurufen.
Da die Phänomene auf dem Gebiet des Lebenssinnes sehr diffizil und schwierig zu bestimmen sind, soll noch einmal auf das anfangs Gesagte hingewiesen werden:
Diese zuletzt beschriebenen Beispiele für Störungen innerhalb der Lebensprozesse treten zwar im Rahmen des Lebenssinns auf , man kann aber nicht sagen, dass es etwa die Aufgabe des Lebenssinnes sei, dieses Unbehagen wahrzunehmen.
Das Wahrnehmen des Lebenssinnes bezieht sich allein auf das ganz einheitliche normalerweise behagliche Empfinden des sich - im - Leibe - Fühlens.
Der Eigenbewegungs-sinn
Dieser Sinn ermöglicht es uns auf eine noch mal andere Art, uns unserer Leiblichkeit bewusst zu werden.
Während wir durch den Tastsinn die Grenzen unseres Körpers erfahren, durch den Lebenssinn den allgemeinen inneren Zustand, in dem er sich befindet, erweitern wir mit dem Eigenbewegungssinn diese Erfahrungsgebiete noch um das der Bewegung.
Mit diesem Sinn nehmen wir wahr in welcher Lage sich die einzelnen Glieder des Körpers zueinander befinden, wir werden uns der Bewegungsabläufe innerhalb unseres Leibes bewusst. Daher rührt auch die Bezeichnung Eigenbewegungssinn, da es sich zunächst einmal um das Wahrnehmen von Bewegungsabläufen innerhalb unserer selbst handelt. Wir haben jederzeit eine präzise Wahrnehmung davon, wo sich beispielsweise unsere Hand im Raum befindet, auch wenn ich sie nicht mit den Augen verfolge. Viele Bewegungsabläufe feinster Art in unserem Innern sind allerdings tief unbewusst und laufen " automatisch " ab, z. B. die sehr differenzierten feinen Bewegungen des Kehlkopfs beim Sprechen.
Alle Bewegungen sind mit Muskeltätigkeit verbunden und hier, im Bereich der Muskeln, findet sich auch das Sinnesorgan des Bewegungssinns. Es besteht aus zwei Elementen, den sogenannten Muskelspindeln und den Sehnenorganen. Beide bestehen aus Muskelfasern und liegen innerhalb des Muskels oder an der Stelle , wo der Muskel in die Sehne übergeht. Sie registrieren jegliche Dehnung, Spannung und Entspannung der Muskeln.
Gleichgewichts-sinn
Der vierte der unteren Sinne, der Gleichgewichtssinn, ist eng mit den übrigen unteren Sinnen, insbesondere mit dem Bewegungssinn, verknüpft. Auch das Sehen und das Hören spielen für das Aufrechterhalten des Gleichgewichts eine grosse Rolle. Das eigentliche Wahrnehmungsobjekt ist beim Gleichgewichtssinn schwieriger zu bestimmen als etwa beim Tast - oder Eigenbewegungssinn. Sehr eindeutig sind aber die Erlebnisse, die man haben kann, wird man in irgendeiner Form aus dem Gleichgewicht gebracht. Beim Stolpern über einen Gegenstand z. B. versucht der Körper mit Hilfe von blitzschnell ablaufenden Bewegungsmechanismen das verlorengegangene Gleichgewicht wieder herzustellen, bei Schwindel kann es je nach Heftigkeit zu schweren Übelkeiten kommen, die Lebens - und Verdauungsprozesse in uns sind aus dem Gleichgewicht geraten. An diesen und vielen ähnlichen Beispielen wird deutlich, dass der Gleichgewichtssinn etwas zu tun hat mit dem bewussten, ruhigen Sich - Halten - Können in der Umgebung. Erst durch den Gleichgewichtssinn sind wir in der Lage, uns in Harmonie zu bringen zu den wirkenden Kräften der Umgebung (z.B der Schwerkraft ).
Der Gleichgewichtssinn ermöglicht es uns, als ein aufrechtes Wesen uns im dreidimensionalen Raum zu bewegen, das richtige Verhältnis in uns zu empfinden von oben - unten, rechts - links, vorne - hinten. Sein Organ hat der Gleichgewichtssinn im Labyrinth des Innenohrs.
Die mittleren Sinne
Wärme - sinn
Seh - sinn
Geschmacks - sinn
Geruchs - sinn
Auf diese Sinne wollen wir in diesem Zusammenhang nur kurz eingehen, da es sich (bis auf den Wärmesinn) bei dieser Gruppe um die allgemein bekanntesten und besterforschtesten Sinne handelt.
Hervorzuheben ist hier nur die ihnen alle gemeinsame Zugehörigkeit zu dem Bereich der Gefühlssinne. Während die unteren Sinne hauptsächlich eine Willenskomponente in sich tragen, haben wir es bei diesen Sinnen mit einer Verwandtschaft zum Fühlen zu tun.
Sehr schön zum Vorschein kommt dies in vielen alltäglichen Redewendungen oder auch Sprichwörtern, in denen diese Sinnestätigkeiten zitiert werden, um einem bestimmtem Gefühl Ausdruck zu verleihen.
Man sagt, jemand habe Geschmack, wobei sich dieser Geschmack auf vieles beziehen kann, auf Malereien, Möbel, Musikrichtungen usw. . Eine antipathische Geste kommt zum Ausdruck in dem Satz : "Ich kann ihn nicht riechen " , glorifizierende Gefühle sind gemeint, wenn jemand alles durch ein rosa Brille sieht.
Auch im Bereich von Wärme und Kälte ist dieses Phänomen, wenn man den rein physikalischen Bereich verlässt, sofort deutlich. Mit Wärme verbindet man sogleich etwas Sympathisches, Angenehmes; von einem mitfühlendem Menschen sagt man, er sei warmherzig. Im umgekehrten Fall spricht man von einem kalten Herz und meint damit eine ablehnende bis hasserfüllte Haltung.
In solchen Redewendungen (und vielen weiteren) , die z T. aus weiter Vergangenheit stammen, tritt oft eine tiefe Weisheit und ein instinktives Wissen um derlei Zusammenhänge zu Tage.
Hingewiesen sei am Ende noch darauf, dass auch die mittleren Sinne ihr eigenes Wahrnehmungsgebiet haben. Während die unteren Sinne in erster Linie auf Vorgänge gerichtet sind, ,die sich innerhalb des eigenen Leibes abspielen und die oberen auf die geistigen Qualitäten des Menschseins, erfassen wir mit diesen Sinnen die uns umgebende Natur. Natur ist hier im weitesten Sinne gemeint. Auch der Mensch, insoferne ich ihn riechen, schmecken, sehen kann , ist ein Teil der Natur.
Die oberen Sinne
Durch diese Sinne nehmen wir die spezifisch menschlichen Sinnesäusserungen wie Musik, Sprache, Gedanken und Ichoffenbarung wahr. Daher rührt auch ihre Bezeichnung als geistige Sinne, die auf der Erde nur der Mensch in dieser Art und Weise entwickeln kann. Die Fähigkeit, die oben aufgezählten Äusserungen des Menschseins zu entfalten, sind nicht von Natur aus vorhanden, sie müssen erlernt werden und werden das zum Teil schon in frühester Kindheit. Um dies überhaupt möglich zu machen, müssen beim Kleinkind zunächst die unteren Sinne erübt und ausgebildet werden. Diese erübten Fähigkeiten im Bereich der unteren Sinne bilden dann erst die notwendige Grundlage zur Entwicklung der Wahrnehmungfähigkeiten auch auf geistigem Gebiet. (Im Fall von schweren Körperbehinderungen im Kleinkindalter erlebt man unmittelbar zu welchen Beeinträchtigungen auch auf geistigem Gebiet dies führen kann.)
Wir möchten am Beispiel des Gehörsinns exemplarisch diesen Zusammenhang zwischen unterem Sinn und dazugehörigem oberen Sinn (einschliesslich seines Wahrnehmungsgebietes der Musik) einmal kurz aufzeigen.
Gehör - sinn
Die Wahrnehmung beider Sinne, des Gehörs - und des Gleichgewichtssinns, ist eng verknüpft mit den Gebilden, die wir im Innenohr vorfinden, dem Bogengangapparat und der Schnecke. Der Bogengangapparat besteht aus drei halbzirkelförmigen Kanälen, die in alle drei Raumesrichtungen verlaufen. Diese Dreidimensionalität ist aber ebenso auch ein grundlegendes Merkmal der Menschengestalt überhaupt und des sie umgebenden Raumes. Man sieht also schon nur bei einer ganz anfänglichen und sehr allgemeinen Betrachtung, dass beide Sinne, sowohl der Gleichgewichtssinn als auch der Gehörsinn, zusammenhängen mit dem Phänomen der Dreidimensionalität. Physisch kommt dies zum Ausdruck in der beschriebenen Bogengestaltung im Innenohr, das man wie ein Zentrum der Tätigkeit der beiden genannten Sinne ansehen kann.
Da auch in der Musik Gesetzmässigkeiten der Mathematik, bzw. der Geometrie zu finden sind, die wiederum in Zusammenhang stehen mit der Dreidimensionalität des Raumes, ist damit der oben angedeutete Bezug zwischen Musik, Gleichgewichtssinn und Gehörsinn hergestellt. (Das diesen Tatsachen keine Zufälligkeit, sondern wirkliche Gesetzmässigkeiten zugrunde liegen, bedürfte selbstverständlich einer ausführlicheren Erläuterung, die aber nicht in den Rahmen dieses mehr schematischen Überblicks gehört.)
Ähnliche Bezüge liessen sich auch zwischen den weiteren oberen und unteren Sinnen darstellen. Im Rahmen dieser Dokumentation möchten wir jedoch die nun folgenden Sinne nur ganz kurz charakterisieren und ansonsten hinweisen auf entsprechende Literatur zu diesem Thema.
Sprach - sinn
Mit dem Sprachsinn nehmen wir die Sprache unseres Gegenübers als solche wahr, noch nicht die durch sie vermittelten Gedanken.
Gedanken - sinn
Um diese wahrzunehmen, haben wir einen eigens dazu entwickelten Sinn, den sogenannten Gedanken - oder auch Denksinn.
Ich - sinn
Dieser höchste aller Sinne und der noch am wenigsten entwickelte dient dazu, das Ich des andern Menschen wahrzunehmen.
Wichtig festzuhalten in Bezug auf alle oberen Sinne ist es, dass ihre Tätigkeit ausschliesslich auf die Äusserungen meiner Mitmenschen gerichtet ist, nicht auf meine eigenen, anders als z.B. bei den unteren Sinnen, bei denen es hauptsächlich um Wahrnehmungen innerhalb meiner eigenen Leiblichkeit geht
Diese kurze schematische Zusammenfassung soll zunächst einmal nur dazu dienen, das Wirken der einzelnen Sinne und ihre Zuordnung zu einem Wahrnehmungsgebiet in ihrem Schwerpunkt darzustellen. Selbstverständlich sind in Wirklichkeit die Übergänge mehr fliessend und meist mehrere Sinne beim Zustandekommen einer Wahrnehmung beteiligt. Auch nimmt man beispielsweise mit Hilfe des Gehörsinns natürlich noch andere Klänge und Geräusche wahr als nur rein Musikalisches.
Eine Hilfe, um hinter den Sinn einer solchen Einteilung und Benennung der Sinne gerade in Bezug auch auf die oberen Sinne zu kommen, kann vielleicht sein, sich das Wesen von rein Naturhaftem einerseits und spezifisch Menschlichem andrerseits klarzumachen und sich dann zu fragen:
Welche Äusserungen der Seele und des Geistes oder welche Funktionen des Leibes erfordern was für eine Wahrnehmungsfähigkeit, um sich überhaupt mitteilen zu können?